Fachtagung zum Verhältnis von Sexualität und sexualisierter Gewalt

Eine gehaltvolle Fachtagung gestalteten unter anderem (von links) Ann-Kathrin Kahle, Renate Semper, Anke Papenkort, Beate Meintrup und Michael Hummert.

Auch im Zusammenhang mit der Prävention sexueller Gewalt muss Sexualität nicht nur negativ dargestellt werden, denn gerade eine positive Auffassung des Begriffs kann Kinder und Jugendliche stärken und so vor Missbrauch schützen.

Mit diesen Überlegungen haben sich über 50 Verantwortliche aus der Schulungs- und Präventionsarbeit am 10. und 11. November in der Kolping-Bildungsstätte Coesfeld beschäftigt. Unter dem Titel "Und was ist mit Sex?!" hatte die Stabsstelle Prävention sexualisierter Gewalt des Bischöflichen Generalvikariats Münster zu der Fachtagung eingeladen.

"Sexualität ist eine zentrale Lebensäußerung", betonte Beate Meintrup von der Stabsstelle eingangs, "diese Fachtagung will ein Signal setzen, dass wir für die Prävention eine wertschätzende Haltung brauchen." Zu diesem Zweck hatten die Veranstalter fachkundige Referentinnen und Referenten eingeladen.

Die Grundlage für die gemeinsame Arbeit legte Renate Semper vom Institut für Sexualpädagogik in Dortmund. In einem anschaulichen Vortrag legte sie den Zusammenhang zwischen Sexualität als Thema und sexueller Gewalt dar.

Die Referentin erklärte den Wandel in der Sexualmoral. Früher sei Sexualität nur in Form bestimmter Handlungen – nämlich solcher, die die Zeugung von Kindern ermöglichen – und in bestimmten Zusammenhängen – nämlich der Ehe – akzeptabel gewesen. Alle Sexualität außerhalb dieser Vorgaben habe per se als verwerflich gegolten. "Eine Abstufung, ob eine sexuelle Handlung zusätzlich noch mit Gewalt verbunden war, fiel da schwer, da sie sowieso zu verurteilen war", erläuterte Semper.

Diese alte, institutionalisierte Sexualmoral sei heute von einer Verhandlungs- oder Konsensmoral abgelöst worden. Diese übertrage die Verantwortung, was akzeptabel sei und was nicht, auf die beteiligten Personen und sei daher komplexer. "Diese Moral schließt Gewalt in der Sexualität aus", betonte Semper. Mit Blick auf das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen müsse man dazu aber feststellen, dass zwischen ihnen grundsätzlich kein Konsens möglich sei, weil Kinder die Bedeutung sexueller Handlungen nicht erfassen könnten. Während sie die Erwachsenen als zugewandt erlebten, würden sie im Missbrauchsfall als sexuelle Objekte wahrgenommen. Die Bedeutung des Erlebten würde ihnen oft durch ihre späteren Erfahrungen mit Sexualität bewusst.

"Was Sexualität bedeutet, hat sich durch deren Betrachtung gewandet", sagte Semper. Früher habe man Sexualität als Trieb gesehen. Heute werde sie als Ressource betrachtet, über die Menschen verfügen könnten. Sie sei mit vielfältigen symbolischen Bedeutungen aufgeladen, etwa als Form der Selbstbestätigung, Liebesbekundung, Beziehungsstärkung, Ausdruck von Macht oder Rache. "Mit diesem gewandelten Blick auf Sexualität hat sich auch die Art, sie zu leben, gewandelt", erklärte die Fachfrau.

Eindeutig grenzte sie die Begriffe sexuelle oder sexualisierte Gewalt sowie sexueller Missbrauch und sexuelle Grenzüberschreitung sowie sexueller Übergriff voneinander ab, ebenso Sexualpädagogik und Prävention sexueller Gewalt. "Die Fragestellung der Prävention ist, wie sich sexuelle Gewalt verhindern oder in ihren Auswirkungen abmildern lässt, die Fragestellung in der Sexualpädagogik ist, wie das sexuelle Leben des Menschen gelingen kann", führte Semper aus. Letztere agiere ganzheitlich und über alle Altersstufen hinweg. "Sie hilft, Zugang zu den eigenen, auch widersprüchlichen Gefühlen zu finden, macht sprachfähig, verändert geschlechterstereotype Muster, thematisiert die Selbstbestimmung setzt an der Lebenswirklichkeit an, regt zur Wertediskussion an, nimmt Grenzen wahr, bezieht Möglichkeiten des Scheiterns ein und zeigt Hilfe auf", verdeutlichte die Referentin.

Klar bezog sie Stellung gegen "sich wieder ausbreitende Tendenzen, Sexualität zu tabuisieren. Denn eine solche Tabuisierung hat die Strukturen sexuellen Missbrauchs immer gestärkt."

Sempers Impulse vertieften die Teilnehmer in Workshops. So diskutierten sie den Umgang von Jugendlichen mit Grenzen und Ambivalenzen unter Leitung von Petra Steeger, sprachlichen Umgang mit dem Thema unter Leitung der Sexualpädagogen Jennifer Bockhoff und Carsten Müller sowie Gender-Aspekte im Schulungsalltag unter Leitung der Theologin und Sexualpädagogin Anke Papenkost.

Am zweiten Tag ging es in ebenfalls drei Workshops um Verständnis und Schutz kindlicher Sexualität mit der Diplom- und Sexualpädagogin Doris Eberhardt, um eigene subjektive Wahrnehmung von (Jugend-) Sexualität mit Sexualpädagogin und Supervisorin Ann-Kathrin Kahle sowie um den Umgang von Jugendlichen mit Sexualität in den Medien. Letzteren Workshop leitete der Diplom- und Sexualpädagoge Michael Hummert.

Text/Foto: Bischöfliche Pressestelle
11.11.2014

Logo Bistum Münster